Anna Marie Ruppert
Im Rahmen unseres Projekts zur „Oral History“ durften wir ein eindrucksvolles Interview mit Frau Anna Marie Ruppert aus Gudensberg führen. Sie wurde am 7. Februar 1935 im Renthof 4 geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Gudensberg. Mit großer Offenheit und bemerkenswerter Detailgenauigkeit schildert sie ihr Leben von der Kindheit bis zur Familiengründung.
Frau Ruppert berichtet von einer Kindheit, die stark vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen geprägt war. Sie erinnert sich an Luftangriffe, an den Druck der NS-Zeit, an die einfache Lebensweise, aber auch an den starken familiären Zusammenhalt in schweren Zeiten. Ihr Vater war Fuhrunternehmer und Viehhändler, ihre Mutter kümmerte sich um den großen Haushalt. Schon früh musste sie Verantwortung übernehmen – nicht nur durch Mithilfe im Betrieb, sondern auch durch die Pflege der kranken Mutter und das Kochen für bis zu 16 Personen täglich.
Der Schulbesuch war für sie zunächst eine Überwindung. Besonders geprägt haben sie die Jahre bei der Lehrerin „Fräulein Trautwein“ in der Mädchenschule am Grabenweg. An eine weiterführende Schule war nicht zu denken – stattdessen lernte sie Hauswirtschaft und arbeitete später in der Landwirtschaft und im elterlichen Betrieb.
Besondere Einblicke gibt Frau Ruppert auch in das gesellschaftliche Leben früherer Jahrzehnte. Sie beschreibt mit anschaulichen Details die Beerdigungen mit Pferde-Leichenwagen, die Versorgung mit selbst erzeugten Lebensmitteln und das dichte Netz kleiner Geschäfte in der Gudensberger Untergasse. Besonders bewegend sind ihre Erinnerungen an polnische Zwangsarbeiter während des Krieges, die in ihrer Familie mit am Tisch saßen – ein Ausdruck von Menschlichkeit in einer schwierigen Zeit.
1954 heiratete sie, zog mit ihrem Mann in die Kasseler Straße und baute mit ihm ein eigenes Haus. Gemeinsam führten sie ein eigenes Fuhrunternehmen. Mit großer Wärme und Bodenständigkeit blickt Frau Ruppert auf ihr Leben zurück – ein Leben voller Arbeit, Verantwortung, aber auch erfüllender Momente. Ihre Erzählungen machen deutlich, wie sehr sich das Leben in Gudensberg in den letzten neun Jahrzehnten gewandelt hat – und wie wertvoll es ist, diese Erinnerungen für kommende Generationen festzuhalten.
Das Interview führten Martina Sprenger und Gretel Flemming.










